BAD BY DESIGN: Warum ich keine Werbung schalte

Für die kommenden Tage wollen zeit.de, golem.de, spiegel.de und einige andere kostenfreie qualitativ hochwertige Online-Magazine auf einen Missstand hinweisen. Einen Missstand, den sie selbst verursacht haben:

Zu viele verdammte Leute benutzen zum Surfen im Internet einen Adblocker.

Nun werden einige von euch verwundert die Augen reiben, den Adblocker deaktivieren und noch vor Ende dieses Satzes F5 drücken. Und ihr habt recht: Weder auf anited.de, noch auf vomauf.unduntergang.de/rsterne gibt es Werbung.

Das hat zwei entscheidende Gründe. Erstens wäre ein Nebeneinkommen jedweder Art für mich derzeit sehr, sehr ungünstig, weshalb der Blog und vor allem AUS bis auf weiteres absolut geldfrei bleiben werden. Ich arbeite Vollzeit als fest angestellter Software-Entwickler, bezahle den Webspace aus eigener Tasche und wende meine Freizeit für AUS und den Blog auf. Das heißt: Keine Werbung. Bis auf weiteres nicht mal eine Möglichkeit zu Spenden. Und um Gotteswillen keine Bezahlschranken.

Und das Wichtigste: Ich habe nicht vor, daran etwas zu ändern.

Für den zweiten, mir persönlich wichtigeren Grund aber liefert mir ausgerechnet zeit.de zum Zeitpunkt dieses Postings eine Steilvorlage. Wer deren Seite aktuell mit aktiviertem Adblocker besucht, bekommt folgenden Text entgegengeschmettert:

Wir freuen uns, dass Sie ZEIT ONLINE nutzen.

Unsere 70 Redakteurinnen und Redakteure bieten Ihnen an 365 Tagen im Jahr vielfach preisgekrönten Online-Journalismus mit höchstem Anspruch: fundierte Analysen zum aktuellen Nachrichtengeschehen, aufwändig recherchierte Features, Reportagen und datenjournalistische Projekte.

Sie nutzen einen Adblocker.

Werbung trägt sehr wesentlich zur Finanzierung unseres aufwändigen Angebotes bei. Wir verstehen, dass aufdringliche Werbung den Lesefluss stört, wenn sie sich etwa ungefragt über Inhalte legt oder automatisch mit Ton abgespielt wird. Daher verzichten wir bewusst auf solche aggressiven Werbeformen und verpflichten unsere Werbekunden zur Einhaltung dieser Richtlinien.

Wir bitten Sie deshalb, für ZEIT ONLINE eine Ausnahmeregel in Ihrem Adblocker einzurichten.

Hier erklären wir Ihnen, wie es geht.

Das Ganze ist prominent platziert in einem fett rot umrandeten Kasten:

quelle: zeit.de

quelle: zeit.de

Und was soll ich sagen…

… die Redaktion hat recht.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht näher auf unzählige direkt von Agenturen eingekaufte Meldungen eingehen – denn selbst für das kopieren dieser Meldungen braucht man Mannkraft. Dazu kommen tatsächlich eigens recherchierte Beiträge. Seltener investigativer Journalismus. Das absolut nutzlose fragwürdig agierende Team von Spiegel Panorama, dessen Redaktion eine ähnliche Aktion fährt.

All das will bezahlt werden. Und während sich die Redaktionen der Print-Medien (deren Abstieg eine ganz andere Geschichte ist) noch über Auflagen, Abos und Heft-Verkäufe und abgedruckte, nicht blockbare Werbung finanzieren können, bleibt den Online-Redaktionen nur… nun… was eigentlich? Quer-Finanzierung durch den schwächelnden Print-Bereich? Lobby-äh-Wirtschaftsgerechte Berichterstattung? Werbung? Aha! Werbung!

Genau die Werbung, die tausende Leser mit Adblockern, Script-Blockern, Flash-Blockern und anderen Tools unterdrücken. Um den Redaktionen zu schaden? Um der Kostenloskultur zu fröhnen?

Nun, ich habe da eine andere Theorie. Diese Theorie bezieht sich auf folgenden Absatz aus dem offenen Appell von zeit.de:

Wir verstehen, dass aufdringliche Werbung den Lesefluss stört, wenn sie sich etwa ungefragt über Inhalte legt oder automatisch mit Ton abgespielt wird.

Die Redaktionen haben also scheinbar erkannt, wo das Problem liegt. Werbung nervt. Werbung lenkt ab. Und sie sind auf einer guten Fährte. Hat einer von euch schonmal versucht im Zug oder Bus in einem Buch voran zu kommen, während im Augenwinkel eine Horde Kinder in neongelben Regenjacken umherzappelt?

Doch die Redaktionen gehen weiter. Sie geben ein Versprechen ab:

Daher verzichten wir bewusst auf solche aggressiven Werbeformen und verpflichten unsere Werbekunden zur Einhaltung dieser Richtlinien.

Klingt gut. Doch der Teufel steckt im Detail. Denn sie beziehen sich direkt und indirekt auf ihre angeführten Beispiele: Werbung, die sich über den Inhalt legt und Werbung mit Ton. Und ganz ehrlich: Wenn ich im Zug oder Bus versuche, ein Buch zu lesen und jede zweite Seite besteht aus einer ganzseitigen Anzeige, die für absolut nicht in den Kontext passende Produkte wirbt, dann werde ich es mir zweimal überlegen ob ich den Autor und vor allem seinen Verlag weiter mit meiner Geldbörse unterstütze. (Dumbledore beugte sich zu Harry hinunter und sprach, im schweren, bedeutenden Tonfall des alten Mannes, der er war: Beine wie ein Babypopo, nur mit dem Venus-Damenrasierer, kaufe vier bekomme drei, nur jetzt im Super-Sonder-Sandpapier-Tut-So-Weh-Angebot)

Nun haben die meisten Betreiber von Internetseiten, die Werbung schalten, eben das begriffen. Pop-Ups: Blöd. Werbung die Geräusche verursacht: Blöd.

Aber da war doch noch was. Irgendwas mit Augenwinkeln und einer neongelben zappelnden Kinderhorde… Etwas, das farblich einen solchen Kontrast zum Inhalt bildet, dass man sich nur schwerlich auf diesen konzentrieren kann… Ich meine, keine Redaktion, die behauptet den Journalismus ernst zu nehmen, würde freiwillig von ihren journalistisch hochwertigen Inhalten ablenken. Vor allem dann nicht, wenn sie das Gegenteil behaupten, ja, das Gegenteil geradezu feierlich versprechen – das Versprechen einer nicht aufdringlichen, nicht ablenkenden Form von Werbung. Sicher kann es nicht schaden, wenn ich zeit.de, golem.de und all den anderen noch eine Chance gebe und den Werbeblocker deaktivi-

quelle: zeit.de

quelle: zeit.de

… F*CK YOU, Werbewirtschaft, F*CK YOU.

tl;dr: Ich kanns mir (noch) leisten, aber zeit.de und Co. brauchen dringend eine elegantere Lösung als diese… blaue Monstrosität.

(Im Blogpost nicht thematisiert, um den Rahmen nicht zu sprengen: Ein Klick _irgendwo_ in den blau hinterlegten Bereich gilt als Klick auf das Werbebanner. Die Werbung ist animiert. Die Werbung ist ein Flash-Inhalt und kostet unnötig Bandbreite. Die Werbung liegt auf Dritt-Servern, die nicht immer erreichbar sind und deshalb das Laden der gesamten verdammten Seite verzögern können. Die Werbung benutzt Tracking-Cookies und andere Mechanismen um euer Surf-Verhalten auszuwerten. [Okok, ich muss ich was das angeht mich durch die Einbindung der Facebook, Twitter und Google+-Knöpfe als teilschuldig bekennen.] Vor 50 Sekündigen Videos auf Golem.de laufen bis zu 30 Sekunden Werbeclip. usw.usf.)